Hydrologe Prof. Markus Disse

„Wir müssen das natürliche Gleichgewicht wiederherstellen“

von TapWater Digest

Was ist drin im Wasser und wie viel Wasser steht uns zur Verfügung, auch damit beschäftigt sich Hydrologe Prof. Markus Disse an der TU München. Quelle: privat | Autor: Prof. Markus Disse

Wasser hat faszinierende Eigenschaften. Es reagiert nicht nur vollkommen anders als andere Flüssigkeiten, es ist Lebenselixier und potentielle Lebensbedrohung zugleich. Prof. Markus Disse lehrt „Hydrologie“ an der TU München und beschäftigt sich hauptberuflich mit allen Facetten des nassen Elements. Wir sprechen mit ihm über die „Anomalie des Wassers“, über den Zusammenhang zwischen Verstädterung und Hochwasser-katastrophen und darüber, warum sich der Wunsch nach Elektroautos und einem nachhaltigen Umgang mit Wasserressourcen nicht gut vereinbaren lässt.

Herr Prof. Disse, was bedeutet „Hydrologie“?

Hydrologie ist die Lehre von den Eigenschaften und Erscheinungsformen des Wassers auf, über und unter der Erde. Wir beschäftigen uns also mit Regenfällen und Verdunstung, mit unseren Gewässern und dem Grundwasser. Dabei dreht es sich immer um die zwei Bereiche Qualität und Quantität. Also, was ist drin im Wasser und wie viel Wasser steht uns zur Verfügung. Gebraucht werden Hydrologen vor allem in Ingenieurbüros, in der Wasserwirtschaftsverwaltung, aber auch an Hochschulen und in Forschungsinstituten.

Was fasziniert Sie am Thema Wasser?

Wasser ist unsere Lebensgrundlage. Als ich in den 1970er-Jahren in NRW aufgewachsen bin, war der Rhein nichts weiter als eine Kloake. Mir war schon früh klar, dass ich daran etwas ändern will und so bin ich zur Hydrologie gekommen. Wasser ist aber auch rein physikalisch betrachtet sehr faszinierend. Es reagiert nämlich im Vergleich zu anderen Flüssigkeiten anormal. Bei vier Grad Celsius hat Wasser seine größte Dichte. Unter 4 Grad dehnt es sich wieder aus und wird leichter. Deshalb schwimmt Eis an der Oberfläche. Dank der Anomalie des Wassers frieren unsere Seen im Winter nicht von unten nach oben zu. Das 4 °C warme Wasser sammelt sich am Boden des Sees, wodurch die Lebewesen „frostfrei“ überwintern können. Auch interessant: die vergleichsweise hohe Oberflächenspannung des Wassers. Ohne diese Eigenschaft wäre es für Bäume nicht möglich, das Bodenwasser über viele Meter nach oben in das Blätterdach zu transportieren. 

In der Renaturierung von Flüssen sieht Prof. Markus Disse eine Chance, Grundwasserreserven wieder aufzustocken. Quelle: www.pixabay.com | Autor: LubosHouska

Wasser muss also genauso reagieren, sonst gäbe es kein Leben?

Richtig. Gleichzeitig kann Wasser, wenn es in Form von Sturzfluten auftritt, absolut lebensbedrohlich sein. Auch diese Facette des Wassers spielt in der Hydrologie eine große Rolle. Der Klimawandel wird Hochwasserperioden verstärken, vor allem die kurzen, heftigen Hochwasser, sogenannte „flash floods“. Die Dürreperioden nehmen dafür immer mehr zu. Diesen Effekt auszugleichen und entsprechende Konzepte zu entwickeln, das ist eine spannende Herausforderung für Hydrologie und Wasserwirtschaft. 

Welche Lösungen hat die Hydrologie für die Hochwasser- und Dürreprävention?

Wir müssen das natürliche Gleichgewicht wiederherstellen. Wenn Niederschlagswasser durch flächendeckende Bodenversiegelung, wie es in Städten der Fall ist, nur wenig Möglichkeiten hat, zu versickern und letztendlich wieder ins Grundwasser zu gelangen, dann steigt natürlich der Oberflächenabfluss und damit der Hochwasserpegel. Der klassische Ansatz gegen Hochwasser sind Rückhaltebecken, die bei Starkregen das Wasser auffangen und verzögert an die Kanalisation oder das nächste Fließgewässer abgeben. Ein alternativer Lösungsansatz könnten viele kleine Begrünungsanlagen in Städten sein, damit das Wasser auf natürlichem Weg zurück ins Grundwasser versickern kann. Das hätte den positiven Nebeneffekt, dass in Trockenzeiten mehr Wasser für die Landwirtschaft und auch für die Trinkwasserversorgung zur Verfügung steht. Andere Maßnahmen sind zum Beispiel die Wiedervernässung von Mooren, oder der dezentrale Hochwasserrückhalt durch kleine Dämme in der Landschaft. In diesem Zusammenhang ist auch die Renaturierung der Flüsse wichtig, die bei Starkregen ausufern und das Wasser wieder langsam zum Grundwasser abgeben können.

Auch die Renaturierung der Flüsse ist wichtig, die bei Starkregen ausufern und das Wasser wieder langsam zum Grundwasser abgeben können.

— Prof. Markus Disse

Wenn ich in letzter Zeit „Grundwasser“ höre, dann kommt im zweiten Satz meistens „Nitrat“. Was schwimmt in unserem Wasser sonst noch so rum, das eigentlich nicht reingehört?

Wo Landwirtschaft und vor allem Massentierhaltung betrieben wird, ist deutschlandweit zu viel Nitrat im Grundwasser, das wissen wir alle. Bei städtischen Abwässern sind es vor allem Kosmetika und Medikamente, die können aktuell noch nicht in den Kläranlagen herausgefiltert werden. Im Augenblick wird darüber nachgedacht, noch eine Reinigungsstufe dranzuhängen. Das funktioniert über Ultrafiltration, also mit ganz feinen Membranen, ist aber sehr teuer. Phosphor ist vor allem ein Problem für Flüsse und Seen, da entsteht die Belastung primär über Erosion. Im Vergleich zu anderen Ländern muss man sich aber hier in Deutschland eher wenig Gedanken um die Trinkwasserqualität machen. Ein immer drängenderes Problem ist der globale Rückgang der Grundwasserstände.

Können wir selbst im Alltag etwas dazu beitragen, um den globalen Wasserhaushalt im Gleichgewicht zu halten?

Sicher, das fängt beim Einkaufen an. Jedes Lebensmittel und jedes Produkt hat einen sogenannten „water footprint“. Man kann sich also überlegen, ob es wirklich die Avocado aus Peru sein muss, für deren Anbau extrem viel Wasser benötigt wird, und ob das Steak aus der Region nicht genauso gut schmeckt, wie das argentinische. Beim Autokauf kann man kritisch hinterfragen, welche Auswirkungen etwa ein Elektroauto auf die globalen Ökosysteme hat. In Südamerika werden ganze Seen für die Gewinnung von Lithium trockengelegt. Die Lösung wäre also eigentlich nicht „mehr Elektroautos“, sondern einfach weniger Autos. Es gibt einen bunten Strauß an Möglichkeiten. Man muss es nur machen.

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