Plastikkrise Teil 2

War ich das etwa?

Ein Essay von Katharina Trautvetter

Nicht alles gehört in Plastik verpackt. Quelle: www.shutterstock.com | Autor: Katerina Morozova

Manchmal verbringe ich Stunden damit, die Supermarktregale nach dem plastikfreisten Produkt zu durchkämmen. Ich nehme die Bilder von verendeten Tieren und Teppichen aus Plastikmüll auf dem Meer nämlich sehr ernst. Dabei stoße ich mit meinem ökologischen Anspruch regelmäßig an meine persönlichen Grenzen: Sojajoghurt im Plastikbecher oder Naturjoghurt im Mehrwegglas? Kann ich da überhaupt eine „richtige“ Entscheidung treffen? Und macht das am Ende einen Unterschied? Ich meine: Wie wahrscheinlich ist es, dass es mein Coffee to go-Rührstäbchen ist, das sich in die Nase einer vom Aussterben bedrohten Riesenschildkröte im 1.000 Kilometer entfernten Pazifik bohrt? 

Ich stehe an der Kasse im Supermarkt und starre betreten auf meinen Einkauf. An mir vorbei zieht eine Plastikparade aus Käse in Kunststoff, eine doppelt-ummantelte Bio-Gurke mit einer natürlichen Hülle aus Zellulose und einer künstlichen aus Polyethylen, mein Lieblingsduschgel, das ich seit Jahren benutze, dazwischen ein paar orientierungslos umherkullernde Walnüsse und zum Schluss: Unverschämt appetitlich in Kunststoff verpackte Ananas-Stückchen to go, die mir die Schamesröte ins Gesicht treiben. Eigentlich hatte ich mir doch vorgenommen, auf Plastik zu verzichten! 

Mehrweg statt Einweg

In einer perfekten Welt würde mein perfektes Ich natürlich in einem Zero-Waste-Laden um die Ecke widerspruchsfrei und ökologisch korrekt einkaufen. Diese Spezialläden gibt es aber in der Realität längst nicht überall, und es kann sich gewiss nicht jeder leisten, seinen kompletten Einkauf dort zu erledigen. Aber ihre bloße Existenz setzt ein Zeichen, das langsam auch Otto-Normal-Verbraucher wie mich und Nicht-Bio- oder Nicht-Zero-Waste-Supermärkte erreicht.

Dabei geht es auch um meine Bio-Gurke. Hinter dem Plastikwahn bei Bio-Obst und -Gemüse steckt eine ganz praktische Erwägung: Sie dürfen an der Kasse nicht mit den „Normalos“ verwechselt werden. Auf Ingwer lässt sich das Bio-Label mit einer unter anderem bei Rewe und Netto erprobten Lasertechnik einbrennen. Bei einer Gurke geht das allerdings aufgrund ihres hohen Wasseranteils und der damit einhergehenden Empfindlichkeit nicht. Auch bei anderen Produkten bleibt einem oft nichts, als mühsam das geringste Übel zu identifizieren.

Das Meer spuckt regelmäßig unseren Müll zurück an Land. Eine Sisyphos-Arbeit, denn wir Menschen sorgen mit unserem Plastikkonsum und Verpackungswahnsinn beständig für Nachschub. Quelle: www.pixabay.com | Autor: Nennieinzweidrei

Es gibt allerdings eine Entscheidung im Supermarkt, die immer richtig ist: Finger weg von To-go- und Fertigprodukten! Zugegeben, eine Ananas oder Melone auseinanderzunehmen ist kein Spaß, unterwegs ist das auch schlicht nicht praktikabel. Und so stehe ich immer wieder mit wässrigem Mund vor dem Kühlregal mit zugeschnittenem Obst und fertigen Salaten. Dann hilft es, mir vor meinem inneren Auge vorzustellen, wie sich die beigefügten Gabeln in den Magen von einem kleinen Vogelküken bohren, und der Appetit vergeht. In 90 Prozent aller verendeten Seevögel werden regelmäßig Plastiküberreste gefunden. Mehrweg statt Einweg heißt also die Devise. Und bestenfalls hat man für die Frischetheke oder den Metzger um die Ecke immer eine Edelstahlbox im Einkaufskorb. 

Ich weiß, es tut weh. Aber die Süßigkeitenabteilung ist nicht nur wegen des Zucker- und Fettgehalts ein Sündenpfuhl. In kaum einer anderen Abteilung ufert der Verpackungswahn derart aus. Mal ehrlich: Brauchen wir wirklich Schokolade und Fruchtgummitütchen im Miniaturformat? Was in der Gemüseabteilung und im Kühlregal aus Gründen des Schutzes der Lebensmittel und der Hygiene noch halbwegs sinnvoll ist, gipfelt in den Süßwarenregalen in einer wahren Plastikorgie. Also in Zukunft ganz bewusst das Produkt wählen, das mit den wenigsten Umverpackungen auskommt.

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Tüten-Politik

Zurück zur Kasse. Die Kassiererin schiebt die Waren im Eiltempo über den Scanner. Nur bei den Walnüssen kommt sie aus dem Takt. „Also, sowas hab‘ ich ja noch nicht erlebt“, kommentiert sie meinen kleinen Obst- und Gemüse-Tütenboykott, während eine der Nüsse sich selbstständig macht und in den Fußraum der Kassiererin rollt. „Ja, man soll ja auf Plastik verzichten“, rechtfertige ich mich und hoffe, dass die Dame den Widerspruch bei der geschnittenen Ananas nicht merkt. Ich zahle und packe meine Beute in die mitgebrachte Jute-Tasche, die ich ausnahmsweise nicht zu Hause habe liegen lassen. Die rechnet sich aus ökologischer Sicht übrigens erst nach dem 100. Einsatz gegenüber der Plastiktüte. Denn die Baumwollstoffproduktion verbraucht mehr Ressourcen als die von Kunststoffen. So verlebt wie meine aussieht, hat sie das geschafft, stelle ich stolz fest.

Seitdem sie etwas kosten, ist der Verbrauch von Plastiktüten in Deutschland um ein Drittel zurückgegangen. 2016 waren es noch 45 Tüten pro Kopf und Jahr, 2017 nur noch 29. Rewe hat als erste Supermarktkette Plastiktüten gänzlich aus dem Kassenbereich verbannt und verkauft stattdessen Stofftaschen und Papiertüten. Die Plastikbeutel an der Obst- und Gemüsetheke gibt es vielerorts noch. Doch bieten einige (Bio-)Supermärkte seit neustem auch dort eine Alternative an: wiederverwendbare Gemüsenetze oder Papiertüten.

Auf der Suche nach Alternativen

Während wir in Deutschland mit der Regulierung durch den Handel recht erfolgreich den Plastiktütenkonsum einschränken konnten, übernimmt in anderen Ländern längst der Staat diese Rolle. In Irland gibt es beispielsweise eine Steuer auf Plastiktüten. In Ruanda sind sie ganz verboten. Auch in Deutschland soll so ein Verbot bald kommen. Am 06.11.2019 hat das Bundeskabinett einen entsprechenden Gesetzesentwurf auf den Weg gebracht. Betroffen von dem Verbot sind Plastiktüten mit einer Wandstärke unter 50 Mikrometern. Ausgenommen sind dabei die Obstbeutel. Denn die Politiker befürchten, Verbraucher könnten bei einem Verbot dieser wieder zu stärker verpackten Waren greifen, in dem Wunsch, die Lebensmittel unbeschadet nach Hause zu transportieren.

In Italien geht die Politik sogar noch weiter und plant ab dem 1. Juni 2020 eine allgemeine Plastiksteuer für Unternehmen. Sie sollen so dazu angeregt werden, kompostierbare Plastikalternativen zu verwenden. Bisher sind Bio-Kunststoffe allerdings noch sehr teuer in der Produktion und schlechter verfügbar. Klar, wenn ich die Wahl habe, bevorzuge ich klimafreundliche Materialien. Doch oft sind sie für den Verbraucher nur schwer vom herkömmlichen Plastik zu unterscheiden und landen dann doch in derselben Recyclingtonne. Und so „Bio“ wie der Name verheißt, sind sie nicht immer. Denn ihre Herstellung verbraucht Ressourcen. Das gilt auch für Glas und Papier, die wie Baumwolle weniger ressourcenschonend sind als Plastik. Die Lösung heißt hier ebenfalls: Lieber gar keinen Verpackungsmüll produzieren.

Der Wegwerfkultur den Kampf ansagen

Ja, der Plastikstrudel im Südpazifik scheint so herrlich weit weg. Es wäre allerdings naiv zu glauben, dass die südlichen Meere eine Art natürliches Habitat für Plastikmüll sind. Nein, Plastik fühlt sich überall wohl. Auch in Nord- und Ostsee. Wie überall auf der Welt gelangen 80 Prozent des in den Ozeanen treibenden Plastikmülls über das Flusssystem vom Festland dorthin. Es ist also nur eine Teillösung, die Recycling-Quote zu erhöhen oder auf alternative Materialien zurückzugreifen. Mindestens genauso wichtig ist es, unsere Wegwerfkultur in die Tonne zu treten.

Ist etwas kaputt, egal ob Textilien, Haushaltsgegenstände oder Elektrogeräte, machen sich die Wenigsten die Mühe, Nadel oder Schraubenzieher auszupacken. Wozu auch, wenn man rund um die Uhr im Online-Versandhandel billigen Ersatz bekommt? Je mehr Plastik ein Produkt enthält, desto günstiger ist es meistens. Damit generieren wir gleich mehrere Probleme auf einmal.  

Nicht nur der Einzelhandel ist eine unerschöpfliche Quelle für Plastikmüll. Auch der Versandhandel ist einer der Hauptverursacher für die hohe Quote an Verpackungsmüll in Deutschland. Denn die Waren sollen natürlich möglichst unversehrt beim Kunden ankommen – was bei mir zu Hause allerdings Berge von Plastikmüll produziert. Die Waren selbst sind außerdem potentiell der Müll von morgen, der bei nicht fachgerechter Entsorgung oder Pannen im Entsorgungssystem eines Tages als Mikroplastik in unseren Weltmeeren treibt.

Bezeichnungen für Kunststoffe in Kosmetikprodukten

  • Polyethylen (PE)
  • Polypropylen (PP)
  • Polyethylenterephthalat
  • Nylon – 12
  • Nylon – 6
  • Polyurethan (PUR)
  • Acrylates Copolymer (AC)
  • Acrylates Crosspolymer (ACS)
  • Polyacrylat (PA)
  • Polymethylmethacrylat (PMMA)
  • Polystyren (PS)
  • Polyquaternium (PQ)

Umweltkatastrophe im Mikroformat

Mikroplastik ist mittlerweile in aller Munde. Wortwörtlich. Denn ist es erst einmal in der Natur, kann es über die Nahrungskette, zum Beispiel in Speisefischen oder Trinkwasser, in meinen Körper gelangen. Mikroplastik entsteht nicht nur bei Zersetzungsprozessen von Plastikmüll, sondern kann auch direkt in die Natur eingebracht werden. Beispielsweise durch Kunstrasen. Dieser Umstand findet sich in einer hitzigen Debatte zwischen Sportvereinen einerseits und Städte und Kommunen andererseits abgebildet. Während die Vereine nicht auf das kostengünstigere und pflegeleichte Kunststoffgranulat verzichten wollen und sich vor den hohen Kosten einer Umrüstung ihrer Plätze scheuen, sind die Ämter durch ein aktuell diskutiertes Mikroplastikverbot durch die EU alarmiert und drängen auf präventive Maßnahmen.

Kosmetikprodukte, Reinigungsmittel und synthetische Textilien sind weitere Mikroplastikquellen. Und leicht vermeidbare dazu. Denn wir müssen lediglich bei der Wahl des Produktes darauf achten, dass darin keine Kunststoffe enthalten sind. Mein Lieblingsduschgel enthält zum Glück keins. Noch besser wäre es, Seife am Stück zu verwenden. Die kommt nämlich in der Regel auch noch ohne Plastikverpackung aus. Genauso sollten wir uns wieder angewöhnen Leitungswasser zu trinken. Das schont nicht zuletzt die Umwelt, weil es in der Produktion und dem Transport deutlich weniger Ressourcen verbraucht. 

Was kann ich tun?

Nein, es ist wahrscheinlich nicht mein Coffee-to-go-Rührstäbchen, das die Schildkröte traktiert. Aber das Stäbchen ist Teil eines globalen Problems. Nicht nur Verpackungsindustrie, Einzel- und Versandhandel und die Politik sind gefragt. Auch ich. Um daran mitzuwirken, die Plastikkrise in den Griff zu bekommen, muss ich nicht unbedingt auf meinen Kaffee unterwegs verzichten. Sich einen mehrfachverwendbaren Coffee-to-go-Becher anzuschaffen, wäre aber ein erster Schritt in eine klimafreundlichere Richtung. Immerhin haben wir als Konsumenten theoretisch eine gewisse Macht über den Handel, indem wir mit unserer Nachfrage das Angebot beeinflussen können. Oder, um es mit den Worten der Deutschen Punk-Rock-Band „Die Ärzte“ zu sagen: „Es ist nicht Deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wäre nur Deine Schuld, wenn sie so bleibt.“

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