Nitrat im Grundwasser

Müssen wir uns um unser Trinkwasser sorgen?

von Katharina Trautvetter

Für Pflanzen sind Düngemittel ein wichtiger Nährstofflieferant. Quelle: https://pixabay.com/ | Autor: Pascvii

Die hohe Nitratbelastung in deutschen Gewässern stellt Wasserversorger, Agrarindustrie und Politik gleichermaßen vor Herausforderungen und bedroht nicht zuletzt die Leitungswasserqualität. Erst im Juni 2018 verurteilte der Europäischen Gerichtshof (EuGH) die Bundesrepublik wegen der andauernden Überschreitung der geltenden EU-Trinkwasserrichtlinie. Aktuell verhandelt die Regierung mit dem EU-Umweltkommissar Karmenu Vella über eine Novellierung der seit 2. Juni 2017 geltenden Düngevordnung. Warum ist Nitrat bei uns in Deutschland so ein großes Thema?

Die EU-Trinkwasserrichtlinie sieht einen Grenzwert von 50 Milligramm Nitrat pro einem Liter Wasser vor. Dieser Wert wird in regelmäßigen Messungen überprüft. Zwischen 2012 und 2015 wurde der Schwellenwert in Deutschland an 28 Prozent der Messstellen überschritten. Dies veranlasste die EU-Kommission im Jahr 2016 zu einer Klage gegen Deutschland vor dem EuGH in Luxemburg, der im Juni 2018 stattgegeben wurde. Das Urteil lautet: Die BRD hat bisher zu wenig unternommen, um das Problem in den Griff zu bekommen.

Wie kommt es zu den erhöhten Nitratwerten?

Vor allem in Regionen mit hohem Viehbestand, wie Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Bayern, kommt es trotz der Vorgaben immer wieder zu Grenzwertüberschreitungen. In Ackerbauregionen liegt der Nitratwert bei einem Drittel der Messstellen regelmäßig über 50 Milliliter pro Liter. Im Schnitt werden bei 18 Prozent der Messstellen in Deutschland immer wieder erhöhte Grenzwerte gemessen.


Die Ursache für die Grenzwertüberschreitungen liegt in der Landwirtschaft und die dort gängige Praxis der Überdüngung. Landwirte düngen ihre Felder, um die dort angebauten Pflanzen optimal mit Nährstoffen, vor allem Stickstoff, zu versorgen. Zum Einsatz kommen teils synthetische Stickstoffdünger, teils Gülle und Gärreste, aus der Haltung von Nutztieren. Doch durch die heute weit verbreitete Massentierhaltung, entstehen oft mehr Düngemittel, als auf den Nutzflächen eines Betriebes ausgebracht werden dürfen. Einige Landwirte exportieren bereits ihre Bio-Abfallstoffe in Regionen, wo der Rohstoff gefragt ist. Doch nicht alle sind bereit die hohen Transportkosten auf sich zu nehmen. So landet die Gülle trotzdem auf dem Feld.


Zwar wurde im Jahr 2017 eine neue Düngemittel-Verordnung beschlossen, diese konzentriert sich jedoch auf schärfere Regulierungen und Kontrollen der ausgebrachten Stickstoff-Mengen. Das löst allerdings nicht das Problem, dass durch die Massentierhaltung ein Überschuss an Bio-Abfällen besteht. So stehen die Bauern mit ihrer Gülle weiterhin alleine auf weiter Flur. Eine an der Universität Kiel von Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) in Auftrag gegebene Studie kam überdies zu dem Ergebnis, dass die Richtlinien von 2017 nicht zum gewünschten Erfolg führen werden. Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) pocht auf einen Ausbau des Gewässerschutzes durch Bund und Länder.

Naturschützer sehen vor allem in der Massentierhaltung eine Ursache für die Überdüngung der Felder und die damit einhergehenden erhöhten Nitratwerte. Quelle: https://pixabay.com | Autor: franzl34

Nicht zum Verzehr geeignet

Für den Menschen ist Nitrat grundsätzlich nicht gefährlich. Es wird allerdings durch Stoffwechselprozesse im Körper in Nitrit umgewandelt, das unter anderem Durchblutungsstörungen auslösen kann. Es kommt zu einer Sauerstoffunterversorgung, die vor allem für Säuglinge und Ungeborene gefährlich ist und in extremen Fällen sogar zum Tod führt. Säuglinge besitzen noch wenig Magensäure, wodurch sich mehr Bakterien im Darm ansiedeln können, die Nitrat in Nitrit verwandeln. Auch Kinder, die an einer bakteriellen Magen-Darm-Infektion leiden, haben ein erhöhtes Risiko, bei einer hohen Nitritaufnahme eine Methämoglobinämie, auch Blausucht oder Zyanose genannt, zu entwickeln. Bei Kontakt mit der Magensäure werden Nitrite zudem in potentiell krebserregende Nitrosamine umgewandelt. Eine dänische Studie vom Februar 2018 belegt eindeutig die karzinogene Wirkung des Nitrat-Stoffwechselprodukts.


Die Natur ist der Belastung durch Düngemittel schutzlos ausgeliefert. Der im Dünger enthaltene Stickstoff gelangt in die Oberflächengewässer und sorgt dort für ein vermehrtes Algenwachstum. Sterben die Algen ab, wird durch den in Gang gesetzten Zersetzungsprozess dem Wasser Sauerstoff entzogen. Das kann fatale Folgen für den Lebensraum Wasser haben. Regelmäßig gehen Meldungen von katastrophalen Rückgängen der Fischbestände durch die Medien, die unter anderem dadurch ausgelöst werden. Das Risiko für den Menschen wird als gering eingestuft. Denn das Trinkwasser wird streng auf die Einhaltung des Grenzwertes kontrolliert. Doch nicht immer gelingt das.    

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Die Rolle von Wasserwerken und Politik

Um das Wasser genießbar zu machen, müssen die Wasserversorger das aus Grund- und Oberflächenwasser gewonnene Rohwasser erst mit Filterungs- und Verdünnungsprozessen bearbeiten. Unter Umständen ist es notwendig, Brunnen zu verlegen oder aus tieferen Quellen zu schöpfen, wo der Verunreinigungsgrad nicht so hoch ist. Das macht die Wasseraufbereitung teurer. Zwischen 2005 und 2016 sollen die Verbraucherpreise für Trinkwasser in Deutschland laut einer Stellungnahme des Statistischen Bundesamts im Mai 2018 um 17,6 Prozent gestiegen sein. Die allgemeine Inflation in diesem Zeitraum betrug 16,1 Prozent. Die Bundestagsfraktion des Bündnis 90 die Grünen verweist auf Basis dieser Zahlen insbesondere darauf, dass die Verbraucherpreise für die Wasserversorgung im Vergleich zu den sonstigen Verbraucherpreisen (0,8 Prozent) im Zeitraum 2014 bis 2016 um 4,1 Prozent und damit durchaus signifikant gestiegen seien. In der Verantwortung sehen Die Grünen vor allem die Agrarindustrie.


Mit dieser Schuldzuweisung ist die Politik allerdings nicht von ihrer Mit-Verantwortung befreit. Das EGH-Urteil bezog sich zwar auf eine ältere Version der Düngeverordnung von 2006, doch auch die überarbeitete Fassung, die am 02. Juni 2017 in Kraft getreten ist, wurde von der Europäischen Kommission kritisiert. Mittlerweile hat die Regierung der BRD aber auch auf diese reagiert und im August 2019 ihre Vorschläge für eine Anpassung dem zuständigen EU-Umweltkommissar Karmenu Vella vorgetragen. Unter anderem sieht diese vor, den Nährstoffvergleich durch eine Aufzeichnungspflicht der verwendeten Düngermengen zu ersetzen, die Sperrfristen für das Ausbringverbot in besonders belasteten Gebieten auszuweiten sowie spezielle Vorgaben für das Ausbringen von Düngemitteln an Hängen und Steilflächen ab einer Neigung von fünf Prozent einzuführen. In Deutschland ist man mit den Vorschlägen zufrieden. Ob die Kommission damit auch befriedet ist, wird sich noch zeigen müssen. Und auch, ob die Nachbesserungen in der Verordnung tatsächlich Wirkung zeigen.


Welche Alternativen haben Verbraucher also? Wasser aus Hausbrunnen ist zwar kostengünstig, jedoch haben verschiedene Messinitiativen belegt, dass die Nitratbelastung dort extrem hoch ist. Wer private Wasserspeicher als Trinkwasserquelle nutzt, sollte unbedingt einen Trinkwassertest bei den örtlichen Stadtwerken oder bei speziellen Laboren veranlassen. So lässt sich ein Gesundheitsrisiko ausschließen. Einige regionale Wasserversorger haben erkannt, dass eine enge Zusammenarbeit mit den Landwirten ihrer Region unumgänglich ist. Durch Kooperationsprogramme werden finanzielle Anreize geschaffen, die Ausbringquote von Düngemitteln zu reduzieren. Auch die Wasserwerke haben in der Bilanz einen Vorteil: Wenn die Qualität des Rohwassers stimmt, müssen sie weniger in teure Aufbereitungstechniken investieren. Damit ist sowohl Mensch als auch Natur geholfen. Ein Ansatz, der gerne Schule machen darf.

Fazit: Nitratbelastung bleibt ein Problem

Trotz Bemühungen von Politik und Landwirtschaft bleibt vor allem in landwirtschaftlich geprägten Regionen Deutschlands eine zu hohe Nitratbelastung des Grundwassers ein Problem. Für die Natur hat das fatale Folgen. Nitrat und das Derivat Nitrit stellen ein hohes Gesundheitsrisiko vor allem für Säuglinge dar. Allgemein wird der Grenzwert beim Trinkwasser jedoch eingehalten, weshalb die Gefahr einer Nitratvergiftung als gering eingestuft werden kann. Um die Nitratwerte in den Griff zu bekommen, ist auch der Verbraucher gefragt. Denn der hohe Fleischkonsum verstärkt die Problematik.

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