Nitrat revisited

Gewässerschutz und bäuerlicher Familienbetrieb – eine Lösungssuche

von Gerd Fürstenberger

Da braut sich etwas zusammen. Kommen Landwirtschaft, Politik und Wissenschaft im Sinne des Gewässerschutzes auf einen Nenner? Quelle: www.pixabay.com | Autor: Seaq68

Die unverändert hohen Nitratwerte in deutschen Grundwässern haben die EU auf den Plan gerufen. Deutschland hätte mehr gegen die trinkwassergefährdende Nitratbelastung unternehmen müssen, so der Europäische Gerichtshof in seinem Schuldspruch von 2018. Die deutsche Politik hat 2019 mit einer Verschärfung der Düngeverordnung von 2017 reagiert. Nicht zum ersten Mal steht damit die Landwirtschaft am Pranger. Doch ist sie wirklich allein schuld an der Misere? Und wie bringt man Gewässerschützer und Landwirte auf eine Spur?

„Wenn die Politik so weitermacht, ist das das Ende des Familienbetriebs.“ Peter Köninger, Landwirt aus dem fränkischen Kreben westlich von Nürnberg, ist verärgert und um klare Worte nicht verlegen. „Ich stehe zu unserer Mitverantwortung, aber die jetzigen Forderungen sind zum Teil kontraproduktiv und bedrohen unsere Existenz!“ Der Kreisobmann im Kreisverband Fürth des Bayerischen Bauernverbands führt gemeinsam mit seiner Frau, seinem Sohn und einem Lehrling einen Milchviehbetrieb mit rund 120 Kühen und eigener Nachzucht. Die männlichen Tiere verkauft die Familie über den Zuchtviehmarkt. Sie bewirtschaftet für die Versorgung des Viehs gut 120 Hektar Land in einem Gebiet, das das Bayerische Landesamt für Umwelt als „rot“ eingestuft hat. 

Rot: In diesen hochbelasteten Gebieten wird an den Grundwassermessstellen der Grenzwert von 50 mg pro Liter für Nitrat aus der Trinkwasserverordnung von 2001 überschritten. „Das Grundwasser in solchen Gebieten wird häufig dennoch für die Trinkwassergewinnung herangezogen, vor allem von kleineren Versorgern“, erklärt Dr. Alfons Baier, Hydrogeologe an der Universität Erlangen-Nürnberg. „Hier muss das Wasser aber dann aufwändig aufbereitet oder mit relativ unbelasteten Fremdwasser vermischt und der Nitratgehalt somit gesenkt werden.“ 

Peter Köninger will das so nicht stehen lassen: Die Messstellen der Wasserrahmenrichtlinie seien sehr häufig oberflächennahe Wasseraustritte, die nicht für die Trinkwassergewinnung herangezogen würden. „Mir ist nicht bekannt, dass eine Aufbereitung des Trinkwassers wegen Nitrats in unseren Landkreis nötig ist“, sagt er. „Vermischungen verschiedener Brunnen finden zwar statt, die Gründe hierfür sind aber vielfältig und nicht immer auf Nitrat zurückzuführen.“

Peter Köninger ist Landwirt aus Leidenschaft. Doch die Vorgaben der Politik machen ihm zu schaffen. Quelle: www.palmundenke.de | Autor: Gerd Fürstenberger

„Rot“ für Landwirte?

Für Peter Köninger hat das „rot“ dennoch Konsequenzen: „Es bedeutet für uns Landwirte, dass wir laut der novellierten Düngeverordnung um 20 Prozent unter dem Bedarf unserer Pflanzen düngen sollen und einen Großteil des Jahres gar nicht mehr düngen dürfen. Das ist aus meiner Sicht der völlig falsche Weg und macht uns letzten Endes das Wirtschaften unmöglich!“, meint der 53-Jährige. Es führe zu entsprechend weniger Ertrag, weniger Anbau und letztlich zu einer Spirale nach unten, weil immer die Ertragszahlen der letzten drei Jahre maßgeblich seien. 

Überdüngung - ein häufig geäußerter Vorwurf an die Landwirtschaft - gibt es laut Köninger im Fürther Landkreis seit Jahren nicht mehr: „Die ‚alte‘ Düngeverordnung von 2017 mit ihren Vorgaben zur Menge des pro Hektar erlaubten Wirtschaftsdüngers, bedarfsgerechter Düngung oder auch zur Dokumentation tat uns Landwirten zwar weh, vor allem, weil sie uns mehr Arbeit macht. Wir haben sie aber umgesetzt.“ In dieser kurzen Zeit jedoch messbare Veränderungen bei den Nitrat-Messwerten zu erreichen, hält Peter Köninger für unmöglich. 

„Kaum etwas verbessert“

Und dies ist die Wunde, in die Alfons Baier den Finger legt: „Ich stelle bei meinen Probeentnahmen immer wieder viel zu hohe Nitratwerte im Grundwasser fest, da hat sich trotz mancher Bemühungen so gut wie nichts verbessert.“ Für ihn ist klar, dass „zwangsläufig“ die Landwirtschaft dafür die Hauptverantwortung trägt. Dabei denkt er allerdings nicht an den „kleinen Bauern, den wir von früher kennen“, sondern an die heutigen großen Agrarunternehmen, die auf ihre Gewinnmargen und dementsprechend möglichst hohe Produktivität achten müssen.

Das Problem bleibt dabei für Baier nicht auf Viehbetriebe und Gülle als Dünger beschränkt: „Auch die Gärreste aus Biogasanlagen und mineralische Dünger enthalten Stickstoffe, die im Boden in Nitrate umgewandelt werden, welche dann ins Grundwasser gelangen können.“ Während er im Norden Deutschlands die speziell dort verbreitete Massentierhaltung als grundwassergefährdend betrachtet, denkt er im Süden mehr an den Energiemaisanbau speziell für Biogasanlagen. Die Gärreste, die bei der Energiegewinnung übrigbleiben und als Dünger verwendet werden, seien nicht weniger schädlich als Gülle.

Suche nach den Schuldigen

Der Wissenschaftler identifiziert darüber hinaus aber auch geologische Bedingungen, die Gebiete  wenig geeignet für die Trinkwassergewinnung machen können: „Es gibt in Deutschland Regionen mit wenig Niederschlag und wenig sowie zudem flachgründigem, also bodennahem Grundwasser, in das Nitrat nach der Düngung sehr schnell eindringen kann.“ Dazu gehören beispielsweise weite Teile des Landkreises Fürth. Der örtliche Wasserversorger bezieht das Trinkwasser aus mehreren Wasserschutzgebieten im näheren Umkreis und hat mit den Landwirten dort zum Schutz des Grundwassers Kooperationsvereinbarungen abgeschlossen. Die Auflagen, deren Einhaltung durch regelmäßige Bodenuntersuchungen überwacht wird, betreffen vor allem die Düngung und den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Im Gegenzug erhalten die Landwirte finanzielle Entschädigungen.

Aber kann das auf Dauer die Lösung für sauberes Trinkwasser sein? Auch wenn er noch mehrere andere Faktoren wie insbesondere alte, undichte Abwasserkanäle berücksichtigt wissen möchte, gesteht Peter Köninger doch zu, dass die Landwirtschaft an den hohen Nitratwerten vielerorts in Deutschlands Grundwasser nicht unschuldig ist. „Selbstverständlich hat die Bodenbewirtschaftung ihren Anteil am Nährstoffkreislauf im Boden.“  

Was kann die Landwirtschaft zur Lösung der Nitratproblematik beitragen? Landwirt Peter Königer weiß: „Es macht einen Unterschied, wie viele Tiere ich habe, welche Nährstoffe ich zuführe und wie viel Mineraldünger ich einsetze.“ Quelle: www.pixabay.com | Autor: Mabel Amber

Lösungsansätze: Was zu tun ist

Und was kann sie, was kann er dann seiner Ansicht nach zur Lösung der Nitratproblematik beitragen? „Es macht einen Unterschied, wie viele Tiere ich habe, welche Nährstoffe ich zuführe und wie viel Mineraldünger ich einsetze“, erklärt Peter Köninger. Ein wichtiger Faktor sei zudem, wann und wie der Landwirt seine Böden bearbeitet und damit deren Zusammensetzung beeinflusst: „Ein Boden mit viel Humus speichert und bewahrt Wasser und Nährstoffe besser als ein mineralischer Boden ohne Humus.“ Was wiederum bedeutet, dass die Nährstoffe nicht so leicht ins Grundwasser gelangen. Um diese sogenannte Feldkapazität zu erhöhen, setzt Köninger auf Zwischenfrüchte wie Raps, Phacelia, Ölrettich oder Hafer für Flächen, die im Herbst frei werden und sonst in der kalten Jahreszeit brach liegen würden. 

„Was die verschärfte Düngeverordnung hier für rote Gebiete vorschreibt, nämlich alle Flächen anzusäen, die sonst im Winter brachliegen würden: Das mache ich schon seit Jahren“, sagt der 53-Jährige, kritisiert aber im gleichen Atemzug: „Völlig kontraproduktiv an den neuen Vorschriften ist, dass ich wegen der weiteren Ausdehnung der Kernsperrfristen meine Zwischenfrucht jetzt nicht mehr düngen darf.“ 

Er zählt an seinem von den Trinkwasserbrunnen weit entfernten Standort bisher nicht zu den Landwirten, mit denen der regionale Wasserversorger eine Kooperationsvereinbarung abgeschlossen hat. Doch steht er einer solchen Kooperation aufgeschlossen gegenüber: „Das bringt wirklich etwas, und es ist ja im ureigensten Interesse von uns Landwirten, dass die Nitratwerte besser werden.“ Überhaupt wünscht er sich weniger Regelungen „von oben“, die „eine ganze Branche abwürgen“, sondern mehr regionale Handlungsspielräume: Sein Ideal wäre eine regionale Task Force mit Landratsamt, Wasserwirtschaftsamt, Wasserversorger und Bauernvertretern, die vor Ort praktikable Konzepte entwickelt. 

Wälder contra Landwirtschaft?

Mit Biolandwirtschaft einschließlich der hier für die Wirtschaftlichkeit nötigen hohen Subventionen kann Alfons Baier sich anfreunden, da diese mit wenig bis gar keinem Gülle-, Gärrest- oder mineralischem Dünger auskommt. Ansonsten setzt der Wissenschaftler aber auf radikalere Lösungen: Nicht nur in Bezug auf Kohlendioxid und Klima, sondern auch auf die Nitratproblematik findet er es notwendig, Wälder wieder aufzuforsten. Denn: „Wo Wald ist, ist keine Landwirtschaft.“ Aus dem gleichen Grund plädiert Baier dafür, aus landwirtschaftlich genutzten Flächen neben Flüssen wieder Überflutungsflächen (sogenannte Retentionsflächen) für den Hochwasserschutz zu machen. Gebiete, die aus geologischen Gründen über große Mengen an Grundwasser verfügen, gelte es natürlich besonders zu schützen und gegenüber dem Zugriff der Landwirtschaft zu verteidigen.   

Ob er mit solchen Ansichten unter den Landwirten viele Freunde finden wird? Wie beim Klimaschutz auch scheinen hier erst einmal wirtschaftliche Interessen bis hin zur Frage   wirtschaftlichen Überlebens nachhaltigen Fortschritten auf anderem Gebiet unversöhnlich entgegenzustehen.

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