Kurz vor Kollaps

Das Tote Meer muss überleben

von Mona El Attar

Für Urlauber und die Industrie ist das Tote Meer ein wahres Schlaraffenland. Quelle: https://www.flickr.com | Autor: Yair Aronshtam/Bildausschnitt

Das Tote Meer ist aufgrund seines Wassers und seines enormen Mineraliengehalts ein politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Mittelpunkt. Millionen von Menschen sind direkt oder indirekt von seiner Existenz abhängig. Doch seit einigen Jahren geht das Wasser im Toten Meer zurück. Sein Zufluss wird für die Trinkwasserversorgung der angrenzenden Länder benötigt. Die Industrie gewinnt Mineralien aus ihm. Die Folgen dieser Ausbeutung sind verheerend. Eine Lösung muss her. 

Das Problem ist lange bekannt: Das Tote Meer schrumpft. Der Meeresspiegel sinkt jährlich um einen ganzen Meter. Die Folgen sind auch an seinem Ufer unmittelbar zu sehen: Mehr als 4.000 Einsturztrichter durchziehen den trockenen Boden und gefährden nicht nur die Besucher, die an dem Strand entlanglaufen, sondern auch die gesamte Vegetation. Der Boden verliert an Stabilität, weil das salzhaltige Meerwasser aus dem Erdreich zurückgeht. Das süße Grundwasser tritt hoch und löst die Salzschichten im Boden auf. Dies führt zur langsamen Absenkung des Küstengebiets. Die direkte Umgebung des Toten Meeres ist somit in kürzester Zeit unbewohnbar geworden. Trotzdem scheuten sich die angrenzenden Länder lange davor, aktiv etwas gegen dieses Meeressterben zu tun.

Trinkwasserversorgung und Mineraliengewinnung

Über Jahrhunderte hinweg wurde das Tote Meer von dem 251 Kilometer langen Fluss Jordan gespeist. Auf diese Weise gelangten jedes Jahr mehr als 1,2 Milliarden Kubikmeter Wasser in das Tote Meer. Heute sind es nur noch 200 Millionen Kubikmeter. Grund dafür ist, dass der Jordan der größte Wasserlieferant der von Wasserknappheit geplagten Nachbarländer ist. Israel beispielsweise deckt mit 50 Prozent seines abgepumpten Flusswassers den gesamten Wasserbedarf seiner Landwirtschaft. Die andere Hälfte geht zu 98 Prozent an die israelische Bevölkerung, zu zwei Prozent an die palästinensischen Gebiete, den Gazastreifen und das Westjordanland.


Aber nicht nur der Zufluss des Meeres wird abgeschöpft, der Mensch profitiert auch vom Toten Meer selbst: Israelische und jordanische Industrieunternehmen, wie die Dead Sea Works, gewinnen aus einem abgegrenzten Verdunstungsbecken des Meeres Kalisalze, Brom und Magnesium. Auch zahlreiche Hotels und Erholungszentren nutzen das künstliche Becken als Erholungsgebiet. Damit es betrieben werden kann, wird das Verdunstungsbecken kontinuierlich mit Wasser aus dem ursprünglichen Toten Meer aufgefüllt. Industrie und Tourismus, aber auch die Gewährleistung der regionalen Trinkwasserversorgung tragen somit dazu bei, dass das Tote Meer schrumpft. 

Begrenzte Ressourcen lassen kaum Alternative zu

Begrenzte Ressourcen lassen kaum Alternative zu

Der Jordan ist nicht nur der größte Trinkwasserlieferant der Region, er gilt auch als heilig und ist deshalb ein beliebter Wallfahrtsort für Gläubige verschiedener Religionen. Quelle: https://www.flickr.com | Autor: Dennis Jarvis/ Bildausschnitt

Der Grund, weshalb lange nichts dagegen getan wurde, ist, dass es für die Anrainerstaaten des Toten Meeres kaum Alternativen gibt. Einen Zugang zu Trink- und Brauchwasser zu schaffen, ist für Jordanien, Israel und Palästina schon lange zu einem Überlebenskampf geworden. Vor dem ersten palästinensisch-israelischen Krieg 1948 beispielsweise standen jedem Jordanier 3.400 Kubikmeter Wasser im Jahr zur Verfügung. Heute sind es nur noch etwa 140 Kubikmeter.


Um die Ressourcen zu schonen, verpflichtete die jordanische Regierung schließlich jeden Hausbesitzer, eine kleine Kläranlage auf seinem Wohnhaus zu installieren. Somit kann das verbrauchte Wasser des Hauses gefiltert und wiederverwendet werden. Im Schnitt kann so ein Kubikmeter Wasser zwei- bis dreimal genutzt werden. Doch diese Maßnahmen werden mittelfristig nicht genügen. Forscher gehen davon aus, dass bis 2025 die jordanischen Grundwasserressourcen aufgebraucht sein werden. Mit Hochdruck wird an neuen Lösungen gearbeitet.

Das Tote Meer gewinnt als Trinkwasserlieferant an Bedeutung

Ideen, wie die Trinkwasserversorgung in der Region aufrechterhalten werden kann, gab es viele. Schnell wurde klar, dass die Zukunft in der Entsalzung des Meerwassers liegt. Auch das Tote Meer eignet sich gut als potentieller neuer Trinkwasserversorger. Deshalb liegen nun alle Bemühungen der Anrainerstaaten darin, das Überleben des Meeres zu sichern. Der Plan zur Erhaltung des Meeres, der sich nach langen Verhandlungen nun durchgesetzt hat, ist der Bau eines Kanals. Er soll das Rote Meer mit dem Toten Meer verbinden und einen Wasseraustausch der beiden Meere ermöglichen. So kann das Tote Meer als Wasserlieferant genutzt und können gleichzeitig Entsalzungsanlagen betrieben werden, die das vermischte Meerwasser für den Gebrauch als Trinkwasser aufbereiten. Alle Beteiligten erhoffen sich von dem Millionenprojekt eine längerfristige Lösung und ein Ende des ständigen Kampfes um Wasser.

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Meeresforscher und internationale Umweltverbände warnen jedoch vor fatalen Folgen für das Ökosystem des Roten Meeres. Durch das Absaugen des Wassers können die empfindlichen Korallenriffe im Golf von Akaba angegriffen werden, ebenso besteht ein erhöhtes Risiko von Gips-Ablagerungen , wenn sich das sulfathaltige Wasser des Roten Meeres mit dem stark kalziumhaltigen Wasser des Toten Meeres mischt. Diese Gips-Ablagerungen sind dabei nicht nur eine Gefahr für Meeresbewohner, sie könnten auch die Mineralgewinnungsindustrie und den Tourismus negativ beeinflussen. Diese Problematik und die Verständigungsschwierigkeiten zwischen den Anrainerstaaten haben den Bau der auch als „Friedenskanal“ bezeichneten Verbindung bisher verzögert. 

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